Zur Startseite

Ungleich und doch unendlich vertraut

Leya und Wibke vor einer hellen Hauswand

Leya und Wiebke – Doppelporträt einer Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft

VON MARTINA PETERS

Die Küche von Leya in Köln-Riehl. Auf dem Tisch duften ein Apfelkuchen und ein paar kleine, zuckrige Croissants. Die 20-Jährige hat Kaffee gekocht, wir sitzen uns auf einer Küchenbank gegenüber. Seit ein paar Monaten wohnt Leya in ihrem eigenen kleinen 2-Zimmer-Appartment im Haus neben ihrer Betreuerin Wiebke Groote de Fonque. Davor lebte sie im selben Haus wie sie – mit anderen Jugendlichen in einer „Tür-an-Tür“-Betreuungs-Wohnung.

Wiebke.
Wiebke ist eine Multitalentfrau. Die 43-Jährige hat Wirtschaftswissenschaften studiert, als Bürokauffrau gearbeitet, eine Fortbildung in der Biblischen Therapeutischen Seelsorge und eine Systemische Familien-Sozialtherapeuten Ausbildung absolviert. „Ich lerne einfach gern“, sagt sie. Sie hat außerdem einen Mann, einen fünfjährigen Sohn, ihren Job in der Wirtschaft nach zwölf Jahren „geschmissen“ und studiert jetzt noch Soziale Arbeit. Gerade schreibt sie ihre Bachelor-Thesis. Aber: Genug ist nicht genug. Weil sie der soziale Bereich immer interessiert und gereizt hat, betreut sie seit vielen Jahren Jugendliche in der so genannten „Tür an Tür“-Betreuung. Warum? „Ich mag Menschen.“ So einfach ist das für sie.

Leya.
Für Leya war in ihrem 20-jährigen Leben bisher fast nichts einfach: Ihre Eltern stammen aus Angola, geboren ist sie 1995 in Bayern und als Kleinkind mit ihren Eltern nach Köln gezogen Ihre Probleme beginnen, als ihr Vater 2001 von einer Reise nach Angola nicht zurückkehrt, er wurde ermordet in seinem Hotelzimmer aufgefunden.
Sechs Jahre später der zweite Schicksalsschlag: Vor den Augen der 12-Jährigen Leya erleidet ihre erst 38-jährige Mutter 2007 einen Schlaganfall, fällt ins Koma und stirbt wenige Tage später. Leya und ihre beiden jüngeren Geschwister stehen von heute auf morgen allein da. Nach der angolanischen Familientradition muss sie nun als Älteste für ihre Geschwister sorgen, doch damit ist die 12-Jährige natürlich vollkommen überfordert. Ihr Onkel kommt für sechs Monate aus London, um sich um Leya und ihre Geschwister zu kümmern.

Jetzt beginnt für Leya eine vierjährige, für sie schreckliche, Kinderheim- und Pflegefamilien-Odyssee. Nirgends wird sie wirklich akzeptiert, wohlfühlen kann sie sich weder im Heim noch in den Pflegefamilien, die sie aufnehmen. Bauchschmerzen, Skepsis fremden Menschen gegenüber, Angst, die schrecklichen Erinnerungen an den Tod ihrer Eltern, Ignoranz ihrer Betreuungspersonen, die jahrelange Trennung von ihren Geschwistern und etliche Vorfälle machen ihr Leben zur Hölle. Dennoch sucht sie den Fehler ein bisschen auch bei sich: „Ich passe mich nicht so schnell Menschen an“, meint Leya. „Ich fühlte mich immer durch jeden und alles angegriffen.“ Lange bleibt es ein harter, ihren Worten nach kaum aushaltbarer, Alltag für sie. Helfen tut ihr nur ihr christlicher Glauben. „Dadurch habe ich die Hoffnung nie wirklich aufgegeben.“

Wiebke und Leya.
Als Leya 2011 auf Wiebke trifft, wird alles anders. „Ich kann mich noch genau an unsere erste Begegnung erinnern,“ erzählt Wiebke. „Das war in einem Büro von outback. Leya ist dort sehr cool aufgetreten, ein Bein lässig auf der Stuhllehne, sie wirkte frech, war gestylt und provokant. „Damit das klar ist: Ich mach hier keinen auf Familie!“ war ihr erster Satz. Abgeschreckt hat mich das überhaupt nicht. Irgendwie brachte sie mich zum Lächeln und ich dachte nur: „Warte mal ab, so cool bist du nicht...“. Der Funke springt über, Leya zieht in Wiebkes Haus.
Auch Leya weiß noch, wie ihr erstes Zusammentreffen mit Wiebke war: „Irgendwie hatte ich direkt das Gefühl, als ob ich sie schon lange kennen würde. Und das hatte ich noch nie jemandem gegenüber, seit meine Mutter gestorben war. Es hat einfach sofort gepasst.“

Wie es funktioniert hat. Und auch mal nicht.
Wiebke erinnert sich: „Das erste Jahr war nicht so einfach. Aber zum Glück erkannte ich schnell, dass für Leya in ihrer verfahrenen Situation erst mal das „Durchatmen“ wichtig war. Ich bin durchaus diplomatisch und nicht regellastig, aber Leya war eine echte Herausforderung. Ich wusste, ich durfte sie nicht einschränken, sonst würde sie sich nicht öffnen – zu viel Druck hat in Leyas Leben immer Probleme ausgelöst. Und das wollten wir ja nun ändern. “ Wiebke lacht.
Und Leya auch. Überhaupt tun die beiden das viel und schauen sich immer wieder liebevoll an. Wiebke ergänzt: „Ich kann ganz gut mit Menschen „mitschwingen“, das hat unserer Beziehung sicherlich geholfen. Und ich denke, ich lasse Leya Raum und gucke trotzdem immer, was gerade geht. Ich handle möglichst nach der Prämisse „Was ist, darf sein und was sein darf, verändert sich.“ Ich glaube, das tut Leya gut“. Die 20-Jährige nickt. Wiebke ergänzt: „Aber ich habe ihr auch von Anfang an klar gemacht: Du darfst so sein wie du bist, aber ich auch! Gegenseitig die Grenzen des anderen zu akzeptieren ist wichtig.

Unterstützung erhält Wiebke von Anfang an von ihrem Mann Agustin. Er spielt wie seine Frau eine große Rolle in Leyas Leben. Endlich gibt es für sie wieder eine Vaterfigur. Zwar ist er ein zurückhaltender Mensch und handelt auch vorsichtiger Leya gegenüber, „aber er ist sehr wichtig und oft eine große Unterstützung für mich,“ so Leya. Mit ihrem kleinen „Bruder“ Agustin – genannt Agustinchen – versteht Leya sich ebenfalls total gut. Auch mit „Oma und Opa“ also Wiebkes Eltern, die um die Ecke wohnen und sie auf ihre Art „mitbetreuen“. Die Nachbarschaft der Straße ist ein weiteres gut funktionierendes Netzwerk um die Familie Groote de Fonque herum.

Den Rücken frei halten.
Ist die outback stiftung hier überhaupt noch gefragt? möchte ich wissen. Wiebke nickt heftig.
„Auf jeden Fall!“ Sie erklärt, wie wichtig es ist, einen solchen Träger im Hintergrund zu haben und als Stütze zu wissen. „Egal, wie gut es läuft, ein Träger ist und bleibt wichtig. Bernd Rosenbach von outback war und ist immer für uns da, wenn es Fragen oder Probleme gibt. Das hat oft die Situation leichter gemacht. Aber auch für kollegiale Beratung und die Empfehlungen für Themenschwerpunkte, was Fortbildungen angeht, ist der Träger eine wertvolle Institution.“ Braucht sie das alles noch – mit so vielen Jahren Erfahrung und einer fachlich kompetenten Ausbildung wie ihrer? Wiebke nickt. „Es wäre vermessen zu sagen: Ich brauche das nicht mehr. Das kann und sollte kein Betreuer sagen, jeder hat blinde Flecken und sollte sich selbst reflektieren.“

Nachts um drei klingeln? Klar.
Das Verhältnis zwischen Wiebke und Leya ist seit vier Jahren geprägt durch Akzeptanz, Vertrauen und liebevollen Umgang. Natürlich gibt es immer mal wieder Stress, „nicht-miteinander-sprechen“-Zeiten und laute Worte. Aber gemeinsam mit Wiebke erarbeitet Leya Methoden, die ihr wieder aus ihren Problemen herausgeholfen. In den letzten drei Jahren hat es sich auf ein richtiges „Mutter-Tochter-Verhältnis“ eingependelt. Wiebke: „Oft empfinde ich es als puren Luxus, für das bezahlt zu werden, was mir einen solchen Spaß macht. Ich habe so viel Platz in meinem Herzen.“
Leya empfindet etwas ganz anderes als Luxus: „...so zu sein, wie ich wirklich bin und auch genau so gemocht und geliebt zu werden. Das ist toll. Ich konzentriere mich jetzt endlich mal nur auf mich, das konnte ich in meinem Leben noch nie. Bei Wiebke kann ich nachts um drei klingeln, wenn’s mir schlecht geht. Sie ist immer für mich da. Aber ich habe natürlich auch dazu gelernt. Bin nicht mehr so stur. Habe Ziele.“ „Ja, wir haben echt viel zusammen erlebt in diesen vier Jahren“, ergänzt Wiebke. Das merkt man den beiden an – es ist so, als würden sie schon immer zusammen leben.

Was mag Leya an Wiebke?
Leya schmunzelt, als ich diese Frage stelle. Antwortet dann aber, ohne lange nachzudenken. „Wiebke ist das Beste, was mir passieren konnte! Sie ist meine Mutter geworden. Wiebke ist überhaupt nicht nachtragend, hat ein megagroßes Herz und ich kann über alles mit ihr sprechen. Sie ist für mich Freundin und Mutter, sie unterstützt mich überall und immer – ob mit der Schule, im Privaten oder im Lebensalltag. Ich mag ihre Direktheit. Überhaupt ist sie mein Vorbild. So will ich auch werden, sie hat schon so viel gemacht, das macht mich glücklich.“

Was mag Leya nicht an Wiebke?
Hm, jetzt muss die 20-Jährige länger nachdenken. „Vielleicht, dass sie manche Dinge im Streit zu oft wiederholt. Und dass sie manchmal zu laut wird.“

Was mag Wiebke an Leya?
Wiebke antwortet ebenso spontan wie ihre „Tochter“: „Ich mag alles an ihr!“ Beide lachen... „Nein, im Ernst: Leya trägt ihr Herz auf der Zunge. Da ist sie mir ähnlich und darum verstehen wir uns vielleicht auch so gut. Sie ist sehr reflektiert, das gefällt mir, sie ist sehr emotional und sehr stark. Uns verbindet unser Humor. Sie ist erfrischend, clever und kriegt immer die Kurve. Außerdem ist sie zielstrebig, sehr liebevoll, hat ein großes Herz und bleibt immer authentisch.

Was mag Wiebke nicht an Leya?
„Manchmal wirkt sie arrogant und überheblich, oft auch ignorant – wenn sie zu macht und nichts mehr bei ihr anzukommen scheint, das triggert mich in dem Moment richtig! Im Nachhinein fällt mir dann wieder ein, dass es sich hierbei um eine „alte“ Schutzmaßnahme handelt… Das war’s dann aber auch schon....!“

Auf einem guten Weg.
Leya hat sicherlich immer noch „ihr Päckchen zu tragen“, kann ihre schlimmen Jahre nicht einfach abschütteln. Aber sie ist dank dieser liebevollen „SPLG Wiebke-Agustin und Agustinchen“ auf einem guten Weg. Wiebke leistet jetzt nur noch neun Fachleistungsstunden in der Woche in der Betreuung von Leya. Und die lernt auf dem Berufskolleg für ihr Fachabitur im Bereich Gesundheit und Soziales, danach möchte sie studieren. „Vielleicht soziale Arbeit...“ sagt sie, lacht und guckt ihre so „ungleiche Mutter“ Wiebke an. Die ist stolz. Und lacht natürlich zurück....

Was ist eine SPLG?
Eine „Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft (SPLG)“ ist eine Einzelperson oder Familie, die ein Kind oder einen Jugendlichen aus einem schwierigen Lebensumfeld bei sich zuhause oder in benachbartem Wohnraum betreut. Die Betreuer arbeiten als Honorarkraft für die outback stiftung und müssen für diese Aufgabe eine Ausbildung als Erzieher/in oder ein Studium der Sozialpädagogik/ Sozialarbeit o.ä. mitbringen.

Outback sucht ständig nach weiteren SPLGs für Kinder und Jugendliche.