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Eine Familie "lernt sich kennen"

Familie als System - eine Geschichte aus dem Jugendhilfealltag

Kapitel 1: Aktengeruch und Hilflosigkeit


Wir befinden uns in Raum 253 in einem Jugendamt irgendwo in Deutschland. Schwere liegt in der nach Akten riechenden Luft, als eine sympathische Frau mittleren Alters den kargen Raum betritt. Sie gibt an, große Schwierigkeiten mit ihrem 16 jährigen Sohn zu haben, denn er verweigert immer wieder den Schulbesuch. Als sie erklärt, wie hilflos sie sich mit der Erziehung ihrer beiden Kinder fühlt, bricht sie in Tränen aus. Gemeinsam mit der Jugendamtmitarbeiterin vereinbaren sie einen Familientermin. Die Mutter schöpft Hoffnung und verlässt kurz darauf Zimmer 253.

Kapitel 2: Frauenpower

Nur wenige Tage später in Raum 253. Die Mutter betritt aufgelöst mit ihrer elfjährigen Tochter das Zimmer. Das junge Mädchen schildert die Situation der Familie. Mitfühlend gegenüber der Mutter berichtet sie von viel Gebrüll und  Gewaltandrohungen des Sohnes, der das heutige Gespräch kategorisch verweigert hat. Die Jugendamtmitarbeiterin schreibt fleißig Protokoll und redet gut zu. Als die ersten Tränen getrocknet sind und ein Einzeltreffen mit dem Sohn vereinbart wurde, verlassen die beiden etwas zuversichtlicher Zimmer 253.

Kapitel 3: Ein junger Mann beim Jugendamt

Ein junger Mann schlurft genervt ins Zimmer 253. Der Jugendamtmitarbeiterin schleudert er ein ablehnendes „Das bringt doch eh alles nichts“ entgegen. Dennoch schafft sie es, dass er mit knappen, resignierten Worten die Situation schildert: Seit einem Jahr nicht mehr auszuhalten, Mutter weine oft, mache ihm Vorwürfe. Er könne „Nichts“. Nach aufmerksamem Zuhören überredet die Mitarbeiterin ihn zu einem gemeinsamen Gespräch. Er trottet erleichtert aus dem Behördenzimmer.

Kapitel 4: Flucht nach vorne

Immer noch im Jugendamt, Zimmer 253. Mutter, Tochter und Sohn betreten zögerlich den nach Anspannung riechenden Raum. Die Fronten sind verhärtet. Zuerst spricht jeder über sich. Die gemeinsame Feststellung der miserablen Situation schafft es, sie zusammenzuschweißen und die Anspannung löst sich – alle wollen eigentlich das selbe. Der Sohn wünscht sich Betreuung in der Freizeit, der Mutter liegt viel am Zugang zu ihren Kindern. Die Jugendamtmitarbeiterin gibt ihnen Flyer der freien Träger mit und sie verlassen gemeinsam erleichterter das Zimmer 253.

Kapitel 5: Glück am Küchentisch

Ortswechsel. Die Familie berät sich am kargen Küchentisch. Welcher Hilfeträger ist der passende für sie? Einvernehmlich entscheiden sie sich für outback – die Jugendamtmitarbeiterin stellt den Kontakt her. Schnell werden freie Mitarbeiter gefunden und geplant, wer welche Entlastung erhält. Die Mutter erhält Erleichterung durch eine zweiwöchentliche Erziehungsberatung, der Sohn von einem Betreuer, mit dem er in Zukunft Unternehmungen macht und für Telefonate zur Verfügung steht. Die Tochter erhält auch einen Kontakt zu outback, mit dem sie ihre Schwierigkeiten zu Hause besprechen kann. Langsam zieht Erleichterung am Küchentisch ein.

Kapitel 6: Tanzende Tränen

Angenehme Aufregung. Ein erstes Treffen mit den Betreuern. Alle sind einverstanden mit ihren Unterstützern und verbringen in den kommenden Wochen viel Zeit mit ihnen. Jeder genießt die neue Freiheit. Doch dann das: Nach einem tosenden Streit zu Hause ist der Betreuer mit dem Jungen ins Kino gegangen – zur Ablenkung. Aber das ist doch Belohnung für schlechtes Benehmen, findet die Mutter. Da hilft nur ein Familiengespräch, finden die Betreuer. Es wird aufgeschoben. Und aufgeschoben. Der brodelnde Ärger hat sich noch nicht abgeregnet. Die Betreuer sprechen einzeln mit den beiden und erreichen doch noch ein Gespräch.

Kapitel 7: Zu klären - Konfliktpunkt "Kinobesuch"

Abends am Küchentisch der Familie, das Klärungsgespräch findet statt. Trotz vorherigem Streit herrscht eine aufgelockerte Stimmung, denn die Pädagogen haben alles gut vorbereitet. Über Allgemeinplätze lenken sie das Gespräch hin zu konkreten Regeln für das gemeinsame Beisammensein: Jeder spricht über sich, jeder lässt jeden ausreden, niemand wird beleidigt. Ein Thema zur Anwendung der neu erlernten Regeln ist schnell gefunden: Der heiß diskutierte Kinobesuch von Kai soll nun am Küchentisch geklärt werden.

Kapitel 8: Fliegende Fetzen

Die Fetzen fliegen. Die Schwester steht auf Kais Seite. Die Mutter fühlt sich allein gelassen – alle gegen sie. Betreuer, wie auch ihre eigenen Kinder. Die Betreuerin ergreift Partei für sie. Sie schafft es, die tosenden Wogen doch noch zu glätten. Ruhe kehrt ein. Die Pädagogen schlagen vor, dass in naher Zukunft jeder viel Zeit mit seinem Einzelbetreuer verbringt. So lernt die Mutter im Erziehungstraining und die Kinder können sich in ihren Hobbys selbst verwirklichen. Das schafft ein stabiles Fundament, damit in Zukunft nicht mehr so oft die Fetzen fliegen.

Kapitel 9: Rettende Rituale

Endlich kann die Familie mal Familie sein. Sie hat mit den Betreuern Rituale entwickelt, um heiße Phasen allein zu meistern. Wenn es zu laut wird, hebt man den Zeigefinger. Wer beleidigt wird, darf sich wortlos wegdrehen. Dadurch konnten sich die Betreuer immer weiter zurückziehen und unsere Familie im letzen Jahr immer selbstständiger werden. So selbstständig, dass die Unterstützung bald nicht mehr gebraucht wird. Plötzlich bricht Hilflosigkeit herein. Können wir das alleine? Alte Wunden bluten wieder. Doch die Betreuer spenden Mut: Ihr habt das alles alleine geschafft. Ihr könnt alleine eine Familie sein!

Kapitel 10: Am Ende? Ein Neuanfang!

Wir blicken zurück auf tosende Streitigkeiten und eskalierte Konflikte. Ihre Folge? Positive Entwicklung! Das Jugendamt und outback als freier Träger haben immer wieder die Wogen geglättet. Der Familie geholfen und von Hilfe zur Selbsthilfe verholfen. Es gab zwei Planungsgespräche beim Jugendamt, in denen sie erreichte Schritte reflektierten und neue planten. Jeder konnte eigene Ziele verwirklichen. Nun also das Abschlussgespräch.

So schließt sich der Kreis in Raum 253 in einem Jugendamt irgendwo in Deutschland.